e-mail Interview September 2005 mit Vasumati.   (link zur Original-Version)

1.Frage

 

Hallo Vasumati,

 

Anfang Oktober findet im OSHO-Tabaan in Hamburg ein Workshop zum Thema Grenzen in Beziehungen statt. Wie passt diese Arbeit in den Co-Dep-Prozess, mit dem du früher hier gearbeitet hast? Das letzte Mal in Hamburg hast etwas gesagt wie: „Liebe und gesunde Beziehung – dabei geht es immer um Grenzen.“ Kannst du uns etwas darüber sagen?

 

Grenzen sind ein wesentlicher Bestandteil der Co-Dep-Arbeit, wenn Leute co-abhängig sind, haben sie keine angemessenen oder funktionierenden Grenzen

 

Sie haben in einer Familie, in der es offensichtlich Verstrickungen gab, gelernt, keine Grenzen zu haben.

 

In einer solchen Familie benutzen die Eltern die Kinder häufig zu ihren eigenen Zwecken. Wenn eines der Elternteile unter einer Störung auf der emotionalen Ebene leidet, gleicht letztendlich das Kind das Ungleichgewicht aus.

 

Das Elternteil kann Alkoholiker sein, aggressiv oder auf verschiedene Weise unter Depressionen leiden.

 

Hierfür schämen sich die Kinder, und es versetzt sie auch in Schock. Wenn uns dies zustößt, beginnt unser Gefühl uns zu sagen: „Du hast keine Rechte! Du bist nichts wert!” Aus diesem Grund verlieren wir die Fähigkeit, uns Klarheit und Sicherheit über das, was wir brauchen (unsere Bedürfnisse) und  was wir ablehnen, zu verschaffen.

 

Wenn wir uns in den Bereich  von “erwachsenen Beziehungen” begeben, müssen wir zunächst uns selbst sicher fühlen.

 

 

Sobald wir einen anderen Menschen auffordern, dass wir uns sicher fühlen sollen, geraten wir in Abhängigkeit.

 

Unsere Grenzen schaffen einen Bereich, in dem wir uns wohl fühlen, sie machen uns sicher. Mit unseren Grenzen geben wir uns selbst die Sicherheit, die wir brauchen. Von hier aus können wir anderen begegnen. Eine Grenze ist ein Ort in uns, an dem wir uns zugleich sicher und verletzlich fühlen. Er ist gebaut aus Liebe für uns selbst und Würde und schafft auch Sicherheit bei unserem Gegenüber, so dass er sich nicht dafür verantwortlich fühlt, uns Sicherheit zu geben, sondern dass er die Freiheit hat, für sich selbst zu sorgen.

 

Grenzen unterstützen uns dabei, uns mit anderen zu verbinden und doch wir selbst zu bleiben.

 

Grenzen sind keine Mauern oder Zäune. Sie sind durchlässig und flexibel und sprechen auf jede Situation im Augenblick auf neue Art an, nicht aus alten Abwehrstrategien und Konditionierungen heraus.

 

Jeder von uns hat Schutzzonen und – wälle um sein Herz, weil er betrogen und verletzt wurde. Und wenn er nun diese Dinge loslassen soll, fühlt er, dass er ohne seinen Schutz zerfällt oder nicht funktionieren kann.

 

Mit Grenzen können wir uns selbst schützen und gleichzeitig Intimität zulassen.

Mauern schützen uns, aber lassen keine Intimität zu.

 

Wenn zwei Menschen tief miteinander fühlen und ihre Bedürfnisse und das, was sie nicht wollen, kennen, schafft dies Intimität mit sich selbst. Von hier aus kann Intimität mit anderen geschehen.

 

2.Frage

 

Besteht bei dieser Grenzarbeit eine Verbindung zu Themen, die mit sexueller Nähe und Intimität tu tun haben?

 

Es besteht auf jeden Fall eine Verbindung dazu.

 

Wenn wir jemandem z.B. sexuell nahe kommen und beginnen einen sehr tiefen und ungeschützten Raum in uns zu öffnen, dann ist es erforderlich, dass man gemeinsame Übereinkünfte trifft, Abmachungen eingeht und sich auf Verpflichtungen einlässt.

 

Vielleicht besteht für einige Menschen das Bedürfnis, sexuell monogam  zu bleiben, für andere kann es mit mehreren Partnern geschehen, aber die Abmachung ist, dass die weiteren Verbindungen die eigentliche Beziehung nicht beeinträchtigt.

 

Um sich sicher zu fühlen,  muß eine Grundübereinstimmung vorhanden sein, sonst würde es zu viel Angst machen oder sogar gefährlich sein, sich zu öffnen.

 

 

Die meisten von uns gehen auf Sexualität mit einer Menge ungeheilten Scham und Schock in unserem System zu, so dass wir zulassen, dass andere über unsere Grenzen gehen oder wir unsere eigenen Grenzen überschreiten.

 

Wir haben solch ein Verlangen, geliebt, behütet und begehrt zu werden, dass wir jeden Kompromiss eingehen, um dies zu erreichen.

Wir schmeißen sogar unseren Selbstrespekt und unsere Grenzen aus dem Fenster.

 

Um dies zu heilen, ist es wichtig, Empfindsamkeit für unsere Körper, unsere Energie und unsere Sexualität zu entwickeln, um zu erkennen, was uns wirklich nährt und wichtig ist, und  zu respektieren, dass es auch manchmal bedeutet, dem Menschen, den wir lieben “nein” zu sagen.

 

Das Problem ist, dass wir nicht erwarten können, dass uns Menschen dafür lieben, dass wir “nein” sagen. Dies ist eines der Themen, denen wir beim Reifeprozess begegnen, wenn wir uns den Raum nehmen, eigene Grenzen zu setzen, auch wenn wir dadurch unsere eigenen Entbehrungen zu spüren bekommen.

Dies ist eine Reise zur Reife und zum Respekt.

 

3.Frage

 

Wenn du mit Menschen arbeitest, wie erreichst du, dass sie sich sicher fühlen? Was machst du besonderes?

 

Mein wichtigstes Ziel ist, dass sie sich sicher fühlen.

Deshalb gibt es keinen Druck und keine Verurteilungen, so dass die Menschen fühlen können, dass sie akzeptiert werden, so wie sie sind.

 

Die Menschen sind so empfindsam, dass sie die geringste Verurteilung und den geringsten Druck spüren, und sich verschließen und zurückziehen.

 

Deshalb schaffen wir eine Atmosphäre, die sehr liebevoll, unterstützend und sicher ist.

Dann meditieren wir, und in der Meditation erfahren die Menschen die größte Freiheit, sie selbst sein zu dürfen und sich auf ihre eigene Weise auszudrücken.

 

 

Was bei mir besonderes ist, wenn ich tiefer arbeite, wird ein Raum geschaffen, in dem Osho die Arbeit machen kann.

Ich habe sehr früh gelernt, den Meister die Arbeit machen zu lassen.

 

Je weniger Ego im Spiel ist, desto sicherer fühlen sich die Menschen.

Sie werden weder manipuliert noch kontrolliert.

 

Es ist für niemanden einfach, zu vertrauen, daher ist es wichtig, aufmerksam, konsequent und ruhig zu sein und Raum für die Menschen zu haben.

 

Die Co-Dep Arbeit enthält all diese Elemente auf sehr respektvolle und ruhige Weise.

Niemand wird so zurück in seinen Scham und Schock gestoßen.

 

4.Frage

 

Du hast einmal in Hamburg mit einer großen Gruppe unterschiedlichster Menschen gearbeitet, einige mit langjähriger Therapieerfahrung und einige, die zum ersten Mal an einer solchen Gruppe teilgenommen haben. Du hast keinen in dieser Gruppe verloren, wie hast du es geschafft, sie alle zusammen zu halten?

 

Wie dies geschieht, ist, was ich lehre, ist eine universelle Wahrheit, mit der sich die Menschen verbunden fühlen können, auf welcher Stufe sie sich auch immer in der Gruppe befinden.

Es ist universell und in uns allen, sich danach zu sehnen, zu lieben und geliebt zu werden, intim und sicher zu sein.

 

 

Dies versteht jeder, und wenn man es ihm aufzeigt, dann kann er eine Verbindung hierzu herstellen, und es erzeugt ein Gefühl von Einssein und Universalität.

Dies ist Intimität.

Deshalb spiel es keine Rolle wie viel Gruppenerfahrung du hast, wenn dein Herz offen ist und du auf der Suche bist.

 

Wonach du auch immer suchst:

Vielleicht suchst du nach Liebe, oder nach Klarheit oder nach der Lösung eines Konfliktes.

 

Wir schaffen Raum für jeden auf seiner eigenen Ebene.

 

Alles liebe

Vasu

 

Ein großes Dankeschön an Vasu 

amano